geliebte Ponys: hier ist die Geschichte von Leo, der keine Kutsche ziehen will

jedes Pony auf dem Ponyland hat seine eigene Geschichte – die meisten Ponys sind inzwischen bei uns geboren, da gibts nicht so viel Aufregendes zu berichten. Aber aus der Zeit, als wir beschlossen, daß jedes Ferienkind „sein eigenes Pony“ für den Ferienaufenthalt haben soll (das ist schon sehr lange her) und Ponys ja nicht auf Bäumen wachsen….da haben wir nach und nach einige  Ponys zugekauft.

Von Leo wußten wir nichts. Er wurde bei dem damals sehr bekannten Shettland-Pony Züchter Heinrich Bösch in Heide geboren. Wir hatten von Herrn Bösch ein Pony gekauft, das war der 3/4 Bruder von Leo… Also Leo wurde von seinem Züchter „Zentus“ getauft. Er wurde am 6. Mai 1988 geboren, er ist braun und hat gar keine Abzeichen. Sein Vater ist Zorro und seine Mutter Nora. Da in Schleswig-Holstein es beim Pferdestammbuch SH/HH Brauch ist, die Hengstfohlen mit dem Anfangsbuchstaben  des Namens des Vaters (des Hengstes) anfangen zu lassen und die Stutfohlen mit dem Anfangsbuchstaben des Namens der Mutter ,(der Stute)  mußte das kleine braune Fohlen also einen Namen mit „Z“ bekommen.

1988 suchte auch unser Hausarzt, Dr. Veit aus Neuenkirchen, ein Nachwuchspferdchen für die Kutsche. In jungen Jahren ist Dr. Veit auch geritten, das war damals in Stuttgart, denn von dort kommt er her. Und die Arbeit hat ihn nach Heide gelockt und die Liebe dann  an die Nordsee und er wohnt  seitdem mit seiner Frau in einem entzückenden Reetdachhäuschen in einem kleinen Dorf in unserer Nähe. Er hatte bereits einen Shettywallach, der hieß „Franz“ und ging traumhaft vor der Kutsche. Denn das Kutschefahren wurde bei Dr. Veit zu einer großen Freude und zum Ausgleich der anstrengenden Arbeit als Landarzt und bei der Kutsche kann man ja auch gut seine Frau mitnehmen und Gästekinder – denn eine Ferienwohnung haben die Veits auch in ihrem schönen Zuhause.

Also kam im Jahr 1988 der kleine Absetzer (Absetzer nennt man Fohlenkinder, die von der Mama „abgesetzt“ werden, meist im Alter von 6 Monaten, weil die Stute bereits wieder ein kleines Wesen im Bauch trägt und das Fohlen dann alt genug ist, um ohne die Muttermilch klarzukommen), zu Familie Veit. Er wuchs prachtvoll auf, der kleine Hengst, aber der Name gefiel seinen Besitzern nicht und so tauften sie ihn um- er hieß jetzt „Zentus-Leo“, genannt Leo. Er hatte eine wahrhaft glückliche Kinderstube, direkt hinter dem wunderschönen Garten schließt sich der Obstgarten an und dahinter dann eine wunderbare Weide. In den Sommermonaten weideten die Ponys auf der Obstwiese und im Winter, wenn die Pensionsrinder, die auf der Marschweide den Sommer genossen hatten, wenn diese also wieder im heimischen Stall waren, dann durften die Ponys den ganzen Winter tagsüber auf diese schöne Weide. Es fehlte dem kleinen Leo also an nichts und er wurde, wie alle Ponys von Veits, ein ganz freundliches, zutrauliches Pony. Mit einem Jahr wurde er zum Wallach und weil Veits viel Pferdeverstand haben, ließen sie dem Leo eine lange, unbeschwerte Kindheit und fingen erst mit 4 Jahren an, mit ihm zu arbeiten.

Zuerst kam er an die Longe (eine lange Leine, die Ponys lernen dabei, gleichmäßig auf dem großen Kreis zu laufen und zwar in der Gangart, die der Longenführer wünscht). Er bekam Kondition, er lernte, sich unterzuordnen, zu gehorchen, hinzuhören, was der Mensch von ihm wollte. Er lernte sozusagen ein bißchen die Menschensprache. Das machte Leo prima und er war immer fleißig bei der Arbeit. Nicht zuviel, immer langsam mit den jungen Pferden..aber regelmäßig. Danach kam er an die Doppellonge. Das ist eine ganz lange Longe, die durchgehend ist und an beiden Seiten im Gebiß festgemacht wird. So lernt das Pony, gelenkt zu werden. Und bei der Doppellonge kann man ständig ohne Probleme die Richtung wechseln, das ist auch viel abwechslungsreicher als eine Viertelstunde immer in die gleiche Richtung zu laufen.

Auch die Doppellonge meisterte Leo vorbildlich, bald konnte Dr. Veit ihn „vom Boden fahren“, d.h. Dr. Veit lief hinter ihm her und Leo lief an der Longe voraus, das ist die Vorübung fürs Fahren. Leo lief und lief und lernte so die Gegend kennen. Nun kam die nächste Stufe dran: jetzt wußte Leo, was der Mensch wollte mit den Leinen, jetzt sollte er ziehen lernen, der kleine eifrige Shettywallach.

Zwischenzeitlich waren auch Feriengäste mit Kindern da und Kinder wollen reiten, auf dem blanken Rücken von Leo durften sie sitzen, Dr. Veit führte ihn und Leo zuckte nicht und war die ganze Zeit entspannt. So fand das „Einreiten“ statt – oder soll man sagen „das Führen mit Reiter“.

Als nächste Stufe zum Fahrpony soll das Pony ja ziehen lernen. Dazu bekommt es das Fahrgeschirr angelegt mit dem Brustblatt und an dem Brustblatt befestigt sind lange Stränge, die Zugstränge. Die Zugstränge sind wiederum an einem „Ortsscheit“ befestigt, einem breiten Holz, etwas breiter als das Pony und an dem Ortsscheit ist dann ein Autoreifen befestigt.

Und jetzt nimmt Leo´s Geschichte Fahrt auf! Denn Leo fand diese Idee total blöde, er wollte keinen Reifen ziehen und dabei laufen. Es regte ihn richtig auf. Er wurde wütend und  trabte Runde um Runde und wollte sich gar nicht beruhigen.

Dr. Veit ist ein sehr geduldiger Mensch und er probierte es über Wochen. Aber irgendwann dachte er: vielleicht gefällt es dem Leo einfach nicht, einen Reifen zu ziehen (das ist keine schwere Arbeit für ein Pony…na ja, aber trotzdem, wer weiß, was in so einem Ponykopf vor sich geht..). Dann probieren wir es halt mit der Kutsche. Das findet er bestimmt besser, der Leo.

Leo kannte  ja nun alles: das Kutschgeschirr, die Fahrleinen, die Zugstränge, die ab und zu die Hinterbeine berühren, er kannte Scheuklappen und er kannte es, wenn der Mensch hinter ihm läuft und also sollte so eine Kutsche doch gar kein Problem für ihn sein.

Das Einspannen ging auch gut, dann ging es los. Leo wollte nicht Schritt gehen, er wollte gleich traben. „Na gut, dann darfst Du traben, kleiner Brauner“ , wird sich wohl Dr. Veit gedacht haben und so fuhren sie dahin, Dr. Veit, seine Frau und vor der Kutsche der fleißige Leo, immer die herrlichen Plattenwege entlang, durch die frühsommerliche Landschaft. Leider wurde Leo vor der Kutsche auch nach einer halben Stunde nicht langsamer, er hielt sein Tempo, er weigerte sich, Schritt zu gehen, sein Fell wurde immer nasser, jetzt brauchte der kleine Kerl aber wirklich eine dringende Verschnaufpause. Nein, das sah Leo nicht so, völlig verbissen trabte und trabte er, schnaufte und schnaubte und schwitzte, er trug den Schweif hoch  und wurde einfach nicht langsamer. Eine ganz große Runde fuhren sie (man muß ja auch erst mal eine Stelle finden, wo man umkehren kann) und wie es im Trab von zuhause wegging, so ging es im Trab wieder nach Hause und Leo blieb erst stehen, als er auf „seinem“ Hof war.

Da haben sich die Veits angeschaut und traurig gesagt: das wird kein Kutschpony. Da hat man sich ein Pony als Fohlen gekauft, es mit Liebe und Zeit und Geld aufgezogen, hat  alle erdenkliche Sorgfalt walten lassen bei der Ausbildung und dann das! Es handelte sich ja nicht um einen hoch im Blut stehenden Warmblüter sondern um ein reinrassiges Shettlandpony…..jetzt war guter Rat teuer.

"Winterleo" nach dem Strandritt - vor dem Verladen und Nach-Hause fahren
Leo, 28 Jahre alt, am Strand von St. Peter Ording nach dem Strandritt

So kam Dr. Veit zu uns auf den Hof und fragte, ob wir nicht den Leo haben möchten als Pony für unseren Ferienbetrieb. Leo war damals 4 Jahre alt – das ist jetzt schon 24 Jahre her! Eingeritten sei er nicht, aber brav, wenn man ihn mit Kindern führt. Nur zum Kutschefahren eigne er sich nicht.

Wir haben gesagt: probieren wir es mit Leo. Und Leo kam, sah und siegte, d.h. er ertrug ohne Probleme den Sattel (bei uns wird nur mit Sattel geritten und die kleinen Ponys haben auch tolle, gut sitzende, kleine Ponysättel), die Trense war gar kein Problem und ruckzuck wußte Leo, was wir von ihm wollten.

Reiten, das war für Leo in Ordnung. Anfangs war er noch beim Galoppieren schnell, er hat ja viel Trab, der Kleine und Ponys, die viel Trabbewegung haben, haben oft Probleme beim Galoppieren, sie müssen erst lernen, auch in der Gangart Galopp ruhig zu gehen. Wir haben immer auch mutige, junge Reiterinnen hier, die Freude haben, ein schnelles Pony zu reiten und da wehten anfangs die Haare unter der Kappe, wenn Leo in der Bahn oder auf dem Platz galoppierte!  Im Laufe seines Ponylebens lernte er schnell, daß es keinen Vorteil bringt, so schnell zu sein und mit 10 Jahren war er schon ein ganz zuverlässiges Ferienpony.

Ponys vom Ponyland Norddeich im Winter
Leo, zweiter von links, mit seinen Shetty- und Welsh-Freunden, genießt den Winter

Als er vielleicht 7 Jahre alt war, hatten wir ein junges Mädchen, die  Helferin Grit auf dem Hof (Grit ist inzwischen eine erwachsene Frau, sie ist Lehrerin geworden…damals war sie ein junges Mädchen). Grit liebt es, Kutsche zu fahren. Und Grit hätte  jedes Pony vor die Kutsche gespannt, wenn man sie gelassen hätte..

Es war Winter und wir hatten viel Schnee – das gibt es an der Nordsee nicht so oft, das ist schon eine Sensation. Grit kam auf die Idee, Schlitten zu fahren. Aber da es, außer dem Deich, hier keine Erhöhungen gibt, die man herunterfahren kann, war ja klar: da muß ein Pony den Schlitten ziehen durch das topfebene Dithmarschen.

„Darf ich den Leo einspannen?“ fragte Grit mich. Ich sagte: „Du kannst es probieren, aber bei Dr. Veit hat er sich nicht fahren lassen“. Na ja, wird Grit gedacht haben, das wäre doch gelacht, so ein Shetty zieht doch einen Schlitten…und sie schirrte Leo an und nahm die Leinen auf… und…ehe wir uns versahen, hatte Leo sich gedreht und sich komplett eingewickelt in die Leinen und stand jetzt neben dem Schlitten und: tat keinen Schritt. So ein Pech…also alles „enttüddeln“ und wieder Leo vor den Schlitten gestellt und dieses Mal nahm Grit ihn am Fahrzaum. Da wurde Leo richtig wütend – „damit bin ich durch“ wird er gedacht haben und – schwupps – ehe Grit auch nur irgendetwas tun konnte, hatte das Pony auf dem Absatz kehrgemacht und stand wieder verkehrtherum neben dem Schlitten. Das sah so lustig aus, daß wir vor Lachen beinahe in den Schnee gefallen sind. Und dann haben auch wir kapituliert….

Leo wurde nie wieder eingespannt und er mußte nie wieder etwas ziehen. Er verrichtet jetzt seine Arbeit als absolut braves Pony unter dem Sattel, mittlerweile können ihn schon die kleinsten, unerfahrenen Reiter/ innen reiten. Er bockt nie, er ist immer freundlich zu den Kindern, er wird nicht schneller und nicht langsamer, er macht sein Ding, ist absolut verkehrssicher – er ist ein Traumpony – halt unter dem Sattel. Im Winter hat er ein dickes Winterfell, im Sommer ist er blank und schön. Er  ist nicht einen Tag in seinem Leben bei uns krank gewesen, er hat nie gelahmt, er hatte noch nie eine Kolik (Bauchweh), er ist nicht anfällig für Hufrehe. Er macht „seine“ Kinder glücklich und das ist die Hauptsache bei uns.

Dem Leo und uns wünsche ich noch einige  schöne gemeinsame Jahre.

P.S. Leo wird diesen Mai, 2016, 28 Jahre alt!  Dr. Veit, seine Frau und ich singen gemeinsam im Kirchenchor Wesselburen und als mir die Idee kam, Leo´s Geschichte zu erzählen, da haben wir nach einer Chorprobe noch einmal ausführlich über Leo gesprochen und uns erinnert und die beiden Veit´s freuen sich natürlich, daß Leo noch lebt, daß es ihm gut geht und er bei uns eine Lebensstellung gefunden hat. Mittlerweile züchten wir Welsh Ponys und fahren jedes Jahr junge Welsh A Stuten vor der Kutsche ein.  Wir haben schon sehr viele Stuten eingefahren, in all den Jahren hatten wir aber auch eine junge Welsh Stute, die sich absolut nicht fahren lassen wollte. Das mußte ich im Leben dann auch lernen: manche Ponys mögen es nicht, gefahren zu werden.

Gudrun Wieczorek, Dipl. Agr. Ing. , Pferdewirtschaftsmeisterin und Trainer B, Mit-Chefin ( mit Hans-Jürgen und Pia Wieczorek) vom Ponyland Norddeich  am 11. April 2016.

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