unsere „Vicky“, Haflinger-Stute, 18.05.1991 – 17.02.2017

Freitagmorgen, am 17.02.2017.

Ich gehe – wie immer – um 8 Uhr morgens in den Stall und begrüße meine Ponys: guten Morgen, ihr Ponys. 80 liebe Ponygesichter schauen mir entgegen, einige wiehern, manche brummeln, die meisten spitzen lediglich die Ohren – bestimmt freuen sie sich über meinen Morgengruß, aber noch mehr über das Futter, welches jetzt ziemlich schnell die vielen hungrigen Mäuler füllen wird.

Die Futtermaschine, die tagsüber automatisch durch den Stall fährt und alle Ponys füttert, stand über Nacht bei dem Laufstallabteil 1 und 2 und hat dort geparkt, von 23 Uhr abends bis 8 Uhr morgens. Sie ist fast leer. Na denn, ich laufe durch den ganzen langen Stall, 66 m Ponyoffenstall und dann noch durch den Kuhstall mit den Mutterkühen: guten Morgen, ihr Kühe – da muht mich niemand an, alle zeigen geringes Interesse…denn der Futtertisch ist gut gefüllt mit Silage und alle Kühe sind satt. Einige Kühe stehen und naschen an der Silage, die meisten liegen hinten im Liegebereich in ihrem Strohbett…ich überquere den Hof und klettere auf den Hoftrac, den Weidemann. Drehe den Zündschlüssel in die entgegengesetzte Richtung und lasse ihn vorglühen, der gute Weidemann hat einen Dieselmotor und der will vorgewärmt werden. Nach 40 Sekunden Vorglühen springt der Weidemann auch brav an und ich tuckere aus der Heuhalle über den Hof in den großen Ponystall, greife mit der Zange den Rest eines Rundballens Heu, der auf dem Stallgang liegt und dann beladen Lea, unsere Praktikantin und ich den Futterwagen und fahren ihn in Startposition.

Danach tuckere ich wieder aus dem Stall und hole einen weiteren Rundballen Heu und wir füttern die Abteile 6 – 11 mit Heu zu (der Stall hat 11 Laufstallabteile mit angrenzendem, befestigten Paddock), ich entferne das Netz, welches um den Ballen gewickelt ist, reiße den Ballen mit der Zange auseinander und dann werfe ich jeweils eine Zange voll Heu in die Abteile und wir verteilen es danach mit der Gabel an den Abtrennungen zwischen den Abteilen, so daß die Ponys von beiden Seiten fressen können.  Der Futterwagen kann auch alle Abteile füttern, aber dann hätte ich um 6 Uhr aufstehen müssen, damit alle Ponys um 9,30 gefressen haben, denn wir haben dieses Wochenende  Ferienkinder auf dem Hof – alles Helfer und ehemalige Ferienkinder, die sich zu einem Wochenende bei uns verabredet haben -um viel Spaß miteinander zu haben – aber auch um bei Pia Wieczorek Dressur- und Springunterricht zu bekommen und richtig viel zu reiten.  Deshalb füttern wir die Abteile 7 – 11 am Boden zu.

Alles ist wie immer an diesem Freitag – vielleicht ein kleines bißchen anders – normalerweise streuen wir erst Stroh ein und füttern dann zu – heute aber war kein Stroh da – wir lagern in einer angemieteten Halle einen Teil unseres Strohs, denn das Ponyland hat einen unglaublichen Strohbedarf, bei 150 Tieren im Stall! Und alle 3 – 4 Tage muß aus der angemieteten Halle Stroh geholt werden mit Trecker und Hänger. Also: kein Stroh. Dafür den Futterwagen beladen mit guter Heulage und Zufüttern.

Vicky steht im Laufstallabteil 6, zusammen mit ihren Haflinger-Freundinnen Macawity, Violastra, Andante und Annabell und Lale. Sie müssen noch eine Stunde auf ihr Futter warten.

Reiterferien für Kinder auf dem Ponyland Norddeich
Vicky, Haflinger- Stute vom Ponyland Norddeich, auf dem Bild 25 Jahre alt!

Wir beenden die Stallarbeiten und gehen hinein zum Frühstück. Nach dem Frühstück kommt Pia zu mir und sagt: Vicky hat Kolik, Lea ist schon mit ihr unterwegs und führt sie.

Wenn ein Pferd Kolik hat – Kolik heißt einfach Bauchweh – und Kolik können die Pferde aus den verschiedensten Gründen haben – dann kann das „von ein bißchen Bauchweh“  bis „tödlich“ gehen und wie so eine Kolik ausgeht, weiß man nie.  Wir füttern unsere Ponys sehr regelmäßig, sie erhalten 5 Mahlzeiten täglich, dazu alle zwei Tage viel frisches Stroh eingestreut. Die Ponys können sich immer bewegen – sie laufen vom Freßplatz immerhin 20 m bis zur beheizten Tränke im befestigten Außenpaddock, das ist noch nicht viel aber schon viel besser als eine Box. Sie leben immer in Gruppen, Stuten mit Stuten und Wallache mit Wallachen…. Koliken haben wir zum Glück sehr selten.

Wenn mal eine Kolik auftritt, reicht es bei manchen Ponys schon, sie von ihrem Bauchweh-Drama abzulenken – sie in die Reithalle zu stellen – alleine- dann vergessen sie ihr Bauchweh, äppeln, toben herum, wälzen sich und rufen nach den Ponyfreunden….und die Kolik ist vergessen. Oder wir gehen mit ihnen auf der Straße spazieren, auch das hilft oft gegen das tückische Bauchweh, dann wiehern sie ebenfalls, äppeln und entspannen sich.

Wenn das aber nicht hilft, dann rufen wir natürlich sofort den Tierarzt.

Während Lea also mit Vicky unterwegs ist – sie hatte ihr eine Abschwitzdecke aufgelegt, wir wissen nicht, ob Vicky naß ist vom Schwitzen oder vom Nieselregen, weil sie im Paddock stand, streue ich mit unserem Mitarbeiter Christian den Stall ein, denn mittlerweile haben mein Mann und Christian Stroh geholt aus der Lagerhalle. Und beim Strohverteilen denke ich an Vicky und denke: Vicky, komm, das schaffst Du!

Vicky hat bisher alles geschafft: geboren ist sie im Mai 1991 in Wahlstedt, ihre Züchterin ist Christa Kaeding, (Frau Kaeding ist verstorben, zu Lebzeiten hatte sie eine sehr erfolgreiche Haflinger-Zucht). 1989 haben wir unsere Haflinger-Zucht aufgebaut, in dieser Zeit züchteten wir Haflinger und Shettland-Ponys, wenn man eine Zucht aufbauen will, muß man gute Pferde kaufen. Wir dachten damals, daß wir mit einer guten Haflingerzucht ein Zusatzeinkommen zu den Einkünften aus dem Ferienbetrieb erwirtschaften könnten. (Das glauben wir mittlerweile nicht mehr, bzw. wir wissen, daß es nicht so ist – nur mit Zucht verdient man kein Geld – da gibt es keine Züchter in ganz Deutschland, die das können – und im Ponybereich schon gar nicht – oder, sagen wir mal so: im Robustrassenbereich, zu dem Haflinger, Fjord, Dartmoor, Shettland-Ponys und natürlich auch Welsh-Ponys gehören).

So schauen wir uns in der Haflinger-Züchterszene um, wo wir ein gutes Zuchtpferd kaufen können und erwerben von Frau Kaeding 1990 das Haflinger-Fohlen Violastra und 1991 Vicky. Vicky ist auf den Namen Vibke eingetragen, ihr Vater ist Andras und die Mutterstute heißt Violine und sie stammt von Hoferbe. Vicky ist sehr teuer, wir bezahlen für das Fohlen DM 4.000,00. Vibke wird in Vicky umbenannt, das gefällt uns besser. Sie wächst bei uns auf, als Absetzer, später Jährling, Zweijährige…mit drei Jahren wird sie eingetragen als Zuchtstute, sie wird ins Hauptstammbuch eingetragen mit einer Größe von 1,40 m und einem 19er Röhrbein (das bedeutet: gute, stämmige Beine, die auch was tragen und aushalten können!). Sie wird eingeritten und mit 4 Jahren geht sie im Ferienbetrieb mit. Sie bekommt einige schöne Fohlen – sie wird älter – wir stellen die Haflinger- und Shettlandpony-Zucht ein. Wir züchten fortan Welsh-Ponys, aber in kleinerem Maßstab.

Es ist im April 2009, Vicky ist 18 Jahre alt und hat seit einigen Jahren kein Fohlen mehr. Am frühen Morgen schaffen es die Haflinger – Damen, die zu 15. in einem großen Doppel- Offenstall-Abteil leben, ihre Tür zum Stallgang hin zu öffnen und ganz vergnügt spazieren sie auf den Gang, suchen nach Futter und kommen langsam nach vorne geschlendert. Dort stehen die Junghengste und die jungen Wallache in einem Abteil. Und unter ihnen steht Ponyland Roy, ein knapp 2jähriger Welsh Cob Hengst. Wir sind noch unschlüssig, ob wir ihn 3jährig zur Körung (Zuchtzulassung) vorstellen wollen und haben ihn noch nicht kastriert – normalerweise kastrieren wir die Hengstfohlen mit einem Jahr. Roy hat bisher noch kein Hengstverhalten gezeigt und wir lassen ihn noch ein bißchen als Hengst weiterwachsen.

An diesem sehr kalten, frühen April-Morgen stehen auf einmal 15 dicke, fröhliche Haflinger Damen vor dem Abteil, in dem Roy wohnt, und das kann Roy, der Rappe, nicht aushalten und: er springt aus seinem Abteil und mitten hinein in die blonde Schar älterer Mädels!  Wir hören vom Schlafzimmerfenster aus das Gequietsche im Stall und laufen sofort hinaus. Da ist eine Aufregung im Stallgang – und da steht ein schwarzes Pferd in der Gruppe der Haflinger Stuten – die da auch gar nicht hingehören! Ach du je, das ist ja Roy – oh wie, da wird ja hoffentlich nichts passiert sein…aber nein, der Hengst ist noch keine zwei Jahre alt, er hatte noch nie eine Damenbekanntschaft…außerdem war ja da so eine Aufregung und so ein Trubel….es wird schon nichts passiert sein.

Wir trennen die Pferde, das ist mühsam, denn nun ist die ganze Gruppe restlos aufgedreht, Roy ist klitschnaß, als wir ihn in sein Abteil zurückbringen. ..wir beschließen, Roy zu kastrieren und noch im selben Monat haben wir einen hübschen Wallach mehr auf dem Hof.

Welsh Cob Wallach vom Ponyland Norddeich
Ponyland Roy, 4jährig, Wallach, sommerbraun – Vater von Ponyland Valerie, auf dem Bild 4jährig und geritten

Nichts Aufregendes passiert mehr auf dem Ponyland Norddeich im Sommer und im Herbst auch nicht, aber ich stehe am Reitplatz und denke: die Vicky hat aber zugenommen, die ist ja ganz kurzatmig, die hat sich ja aber einen Bauch angefressen über den Sommer…und dann schaue ich meine Tochter an, die auf dem Reitplatz steht und Reitunterricht erteilt und sage zu ihr: „Guck Dir mal die Vicky an“ und Pia sagt „Roy!“  und wir rufen den Tierarzt an und haben wenig später die Gewißheit: Vicky ist tragend.

Am 12. März 2010, die Sonne scheint, wir haben leichten Schnee, da kommt Ponyland Valerie auf die Welt.

Vicky, Haflinger-Stute vom Ponyland Norddeich Reiterferien für Kinder
Haflinger-Stute Vicky im zeitigen Frühjahr mit ihrem Fohlen Valerie, die Bäume sind noch kahl, aber das Gras schmeckt super nach dem Winter

Ganz ungeplant und doch so nett. Ponyland Valerie ist fuchsfarben und sehr klein!  Und das wird ein glücklicher Sommer für Vicky, so, wie sie ihn mag: viel auf der Weide sein, das kleine Fohlchen bewachen, viel geschont werden….Valerie bekommt zwar nur Papiere als „sonstiges Pony“ weil ihr Vater ja nicht als Zuchthengst eingetragen ist, aber das macht uns nichts. Sie wird ein sehr braves Pony, brav wie ihre Mutter.

Vicky ist brav, sie bockt nicht, sie beißt nicht, sie macht keine Sperenzien, sie hilft ganz vielen Reitanfängern, Vertrauen zu fassen zu den Pferden, sie wird von allen Kindern und auch Erwachsenen, die sie reiten dürfen, innig geliebt. Auch meine Freundin Imke, die als „Wiedereinsteigerin“ mit über 50 Jahren wieder aufs Pferd steigt, schließt Vicky sehr ins Herz.  Vicky lahmt nicht, Vicky ist absolut straßensicher. Wenn man ihr etwas anlasten will, dann ist es ein große Verfressenheit. Die wird im Alter immer größer. Fahren wir mit dem Futterballen Heu oder Silage am Laufstallabteil vorbei, dann schnellt Vickys Kopf, wie ein Krokodil, nach vorne und sie beißt herzhaft hinein und reißt sich sagenhaft große Happen aus den Ballen, die sie dann ganz alleine verzehrt, denn sie ist immer die Ranghöchste im Stallabteil und wehe, eine andere Haflingerstute nähert sich nur, dann verteidigt Vicky ihre ergatterte Extraration mit den Hinterhufen und den Zähnen! Durch diese Verfressenheit und ihre Ranghoheit ist Vicky auch mit zunehmendem Alter bestens genährt. Darunter leidet wiederum der Vorwärtsdrang, ganz so eilig hat man es mit über 20 dann als Pferd auch nicht mehr. Sie wird zunehmend bei den Anfängern eingesetzt und das gefällt ihr auch – sie kennt das Reitprogramm und niemand verlangt ihr zuviel ab.

brave Pferde für entspannte und schöne Ausritte - auch schon im März!
Ponyland Norddeich – Ausritt am Strand von St. Peter Ording, Vicky, Haflinger Stute, 24 Jahre

Lea kommt zurück, Vicky geht es nicht gut. Wir rufen den Tierarzt an. Bis der Tierarzt kommt, führen wir Vicky in die Reithalle. Wir nehmen ihr die Abschwitzdecke ab  und lassen sie frei in der Halle laufen. Sie mag nicht laufen und knickt mehrmals mit den Hinterbeinen ein. Ich treibe sie und Vicky trabt, Runde um Runde, brav, wie sie immer ist, den Kopf nach unten, stetig an der Reithallenbande entlang. Der Tierarzt kommt und ich gehe aus der Halle und Vicky trabt einfach weiter, bis ich sie rufe. Dann kommt sie. Der Tierarzt horcht den Bauch ab und hört: nichts. Überhaupt keine Darmgeräusche. Das ist sehr schlecht. Aber Vicky äppelt, das wiederum ist gut, zumindest hat sie keine Verstopfungskolik.  Der Tierarzt spritzt ihr Buscopan und Entzündungshemmer – jetzt sollte es ihr innerhalb von 30 Minuten besser gehen – er sagt: es sieht nicht gut aus – kann sein, sie schafft es…..

Die Spritze wirkt, Vicky wird ruhiger, der Bauch entkrampft. Wir bringen sie in ihr Laufstallabteil zurück. Sie legt sich ins frische Stroh, sie ist müde von so viel Schmerz und Krampf und Aufregung. Sie liegt ruhig da. Den ganzen Vormittag haben wir sie im Blick, während das Ponyland-Leben weiterläuft, Ponys werden aus den Abteilen geholt, geputzt, gesattelt, getrenst, geritten, wieder abgewartet und kommen wieder in den Stall. Die Futtermaschine füttert, auch bei Vickys Box. Vicky interessiert sich nicht dafür. Dieses  immer hungrige Pony hat keinen Hunger mehr. Nach dem Mittagessen liegt Vicky immer noch im Stall, mittlerweile flach auf der Seite und sie fängt auch wieder an, zu krampfen. Zieht die Beine an den Körper, wälzt sich ein bißchen, liegt wieder. Wir rufen wieder den Tierarzt an, er kommt, schüttelt bedenklich den Kopf  – wir können es noch einmal probieren – wieder bekommt Vicky zwei Spritzen – wieder wird es etwas besser – aber dann verschlechtert sich ihr Zustand zusehends und wir beschließen, das Pferd zu erlösen.  Sie stirbt ganz schnell und ganz friedlich und ich bin dabei, wie es sich gehört, bin sehr traurig und sage „danke, liebes Pferd“, „danke, daß Du uns Dein ganzes Leben so treu begleitet und gedient hast“.  Jetzt wünschen wir ihr, daß sie im Pferdehimmel über die immergrünen Weiden traben darf!

 

Ponyland Valerie, Schulpony vom Ponyland Norddeich
unverhofft kommt doch: Ponyland Valerie von Roy aus der Vicky, Mischung zwischen Haflinger-Stute und Welsh-Cob Hengst
Ponyland Valerie, Schulpony auf dem Ponyland Norddeich
Ponyland Valerie – sie wird uns immer an ihre Mutter Vicky erinnern!

 

 

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